Dienstag, 17. Juni 2014

Kann man Diabetes sehen? - Eine Kontaktanzeige

Tach Welt,

letztens ist mir aufgefallen, dass ich mittlerweile die Leute um mich herum aus einem anderen Blickwinkel betrachte. Normalerweise schaue ich mir sowieso alle Menschen um mich herum genau an, merke mir ihre Gesichter und besondere Merkmale. Das ist einfach spannend für mich. Seit einiger Zeit ist es noch etwas anders: Ständig guck ich jetzt auch nach Pumpen an Gürtelschnallen oder ob sich irgendjemand um mich herum grade auch Insulin spritzen muss. Denn: Manchmal kann man Diabetes sehen.

Ich habe vor einer Woche folgende Geschichte erlebt und beiße mir grade nach wie vor ziemlich in den Po dafür, wie ich (nicht) gehandelt habe:

In Berlin stieg ich in die Tram ein, hab mich in Fahrtrichtung hingesetzt und ein wenig meinen Twitterfeed auf dem Handy gelesen.
Plötzlich steigt eine Frau zu. Als informierte Diabetikerin wusste ich sofort, was Sache ist. Sie trug ein Tshirt und ich konnte ihre Oberarme sehen. Am linken Arm trug sie einen Dexcom-Sensor, am rechten Arm einen Pod. Ich musste da echt erst noch genauer hinschauen, traute meinen Augen kaum. So offensichtlich hatte ich das bisher im normalen Alltag, abseits von Events und Stammtischen, noch nicht gesehen.
Wow, toll! 1. Nutzt da jemand die aktuellen Therapieformen voll aus. 2. Zeigt diejenige es auch noch offen!
Ich konnte es kaum fassen, mit der Dame in einer Tram zu sitzen und wollte sie unbedingt ansprechen. Aber wie?
Was sagt man zu einer Person, die offensichtlich die gleiche Krankheit hat wie man selbst, ohne, dass es komisch wirkt?
Ich grübelte vor mich hin und fragte auf Twitter und Facebook nach - Antworten kamen sehr schnell. "Na, auch Diabetes?", "Hallo Schwester!", "Hast du vielleicht Insulin für mich?" waren nur einige eurer Vorschläge. Aber ganz ehrlich? Ich war mir tierisch unsicher. Das war ne hübsche Dame Anfang 30 und ich wollte nicht wie der totale Vollhorst wirken oder sie belästigen oder gar nerven. Ich wollte mit einem Satz kommen, der zu mir passt. Zurückhaltend, aber so, dass sie sofort Bescheid weiß, dass es mir genauso geht. Ich wurde nervöser und nervöser und hab sie nur noch angestarrt. Und dann stieg sie aus. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Ich hab mich einfach nicht getraut. Scheiße!


Liebe Du,

ich hab dich am 6.6. gegen 17Uhr in der M8 Richtung Ahrensfelde gesehen. Du stiegst glaube ich an der Haltestelle Pappelallee zu und bist am Rosenthaler Platz wieder ausgestiegen. Du hast kurz telefoniert, nach dem du eingestiegen bist. Du trugst ein weißes Tshirt, eine Sonnenbrille und oben genannte Hilfsmittel an deinen Armen. Ich war die, die dich die ganze Zeit so angestarrt hat und wild auf ihrem Handy herumgetippt hat. Und ich wusste einfach nicht, wie ich dich anquatschen soll.
Falls du das liest, würde ich mich unwahrscheinlich freuen, wenn du in irgendeiner Weise mit mir Kontakt aufnehmen würdest. Das wäre fabulös!




Wir sind doch nur rund 300.000 in Deutschland! Und wenn man da zufällig jemanden trifft (dem man es auch noch direkt ansieht), muss man doch zumindest mal kurz ins Gespräch kommen. Ihr merkt - ich ärgere mich nach wie vor, dass ich kein Wort herausgebracht habe.

Ist euch so etwas schon mal passiert? Und wenn ja, wie habt ihr gehandelt?
In diesem Sinne...

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Kommentare:

  1. Hey Tine,

    vor Jahren hatte ich mal eine ähnliche Situation. Ich saß im Zug auf dem Weg nach Hause, hatte mir was zu Essen vom Bäcker geholt und mich dementsprechend gemessen und gespritzt. Ich saß in einem Bereich, die primär für Fahrräder, Kinderwägen und Gepäck gedacht sind. Der junge Mann neben mir packt auf einmal auch sein Messgerät aus und misst sich.

    Vermutlich war das ein Versuch der Kontaktaufnahme, aber weder er noch ich haben nächsten Schritt gemacht und den jeweils anderen angesprochen. Aber ein gescheiter erster Satz wäre mir da nicht eingefallen.

    Anders lief es bei einer Party bei mir im Heimatort. Vorteil: man kennt die Leute (wenn auch meistens nur vom sehen und aus Erzählungen meiner Schwester). Man kommt so jedoch leichter ins Gespräch. Das ging einen Abend dann auch mal so weit, dass wir uns gegenseitig den Blutzucker gemessen haben, weil wir zu betrunken waren :D

    Ich hoffe für dich, dass sie deinen Post hier liest und sich bei dir meldet.
    Ich drück dir die Daumen!

    LG
    Mel

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  2. Die Situation hatte ich in Berlin auch schon - 17jähriges Mädel mit ihrer Klasse auf Klassenfahrt in der S-Bahn unterwegs.
    Ich meinte einfach: "Hey, ich finde das richtig stark von dir, dass du den Omnipod so offen trägst!"
    Zuvor hatte ich glaube ich noch standardmäßig die Einleitung gebracht:
    "Darf ich dich mal was fragen? (natürlich rhetorisch ohne auf die Antwort zu warten ;-)) Sag' mal, das ist doch eine Omnipod-Insulinpumpe, oder?"
    ... danach folgte mein "ich häng' noch am Schlauch" (Einschmeicheltaktik, dass schlauchlose Pumpen ein Fortschritt in der Pumpenevolutionskette darstelen würden *hüstel*).
    Das Gespräch danach war echt nett, zumal sich dann auch noch ein paar ihrer Mitschüler einklinkten :-).
    Gruß Klara
    Ps: Irgendwie funktioniert es bei mir nicht übers IPAD einen Beitrag hier einzustellen...

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  3. Hallo
    Ich kenne einige Diabetiker in meinem Bekanntenkreis. Das ist aber nicht so einfach, mit denen ins Gespräch zu kommen. Mit einer Bekannten schon, bei den Jungs ist das schwieriger. Einer ignoriert seinen Diabetes meiner Meinung nach, also kann man auch keine informativen Gespräche mit ihm führen. Ein anderer möchte zb gar nicht darauf angesprochen werden und nicht als Diabetiker erkannt werden.

    Mit Mädls ist das anders. Zum Glück. Wir sind froh "Leidensgenossen" zu treffen, über den DM zu schimpfen, ihn zu loben. :)

    Ich hoffe das sich deine Bekanntschaft meldet. :)

    Lg Kerstin

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  4. Hallo Tine,

    ja, so etwas ähnliches habe ich kürzlich erlebt und zwar auf einem Flug nach Istanbul. Neben mir saß ein Herr, der einen in Englisch verfaßten Fachartikel laß, in dem es offensichtlich auch um Blutzucker ging. Genau kann ich es nicht sagen weil ich nicht so indiskret sein wollte und ständig in anderer Leute Lesestoff reinstarren wollte.
    Als dann das Essen serviert wurde und ich gemessen und anschließend meine Pumpe gezückt habe, habe ich an seiner Reaktion gemerkt, dass er genau wusste, was hier passiert. Aber da ging es mir genau wie dir. Ich habe auch keinen Anfang gefunden.
    Der Herr war zwar wahrscheinlich kein Diabetiker aber doch zumindest jemand, der mehr oder weniger nah am Thema dran war. Möglicherweise sogar ein Diabetologe.

    LG
    Stefan

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  5. Hi Tine,

    ich bin letztens selbst von einer Leidensgenossin angesprochen worden. :-) Ich war mit meinem Freund im Restaurant und sie war unsere Kellnerin. Das war einer dieser super heißen Tage und sie meinte, nachdem sie mir mein Essen hingestellt hat (ich hatte kurz vorher gemessen, muss sie wohl gesehen haben), ganz einfach:
    "Schrecklich, bei dem Wetter spielen meine Werte immer verrückt. Ich habe nämlich auch Diabetes, wie du..."
    Ich fand's echt cool, dass sie das so offen angesprochen hat, leider konnten wir uns (sie musste ja weiterarbeiten) nicht länger unterhalten. Aber man entwickelt wirklich einen Blick dafür, mein lieber Freund hat nachher ganz verwirrt gefragt, wie sie (die Kellnerin) das überhaupt gewusst hat. ;-)
    Also nur Mut, ich schätze wenn jemand sich nicht über das große D unterhalten will, merkt man das ganz schnell und kann das Gespräch ja notfalls wieder rasch beenden.
    LG
    Claudi

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  6. Hallo,
    ich bin Diabetologin im medicum Hamburg und habe mit Interesse deinen Beitrag und einige Antworten gelesen. Als Ärztin kenne ich die Situation gut, dass einem bei Mitmenschen verschiedenes auffallen kann. Natürlich bin ich in einer komplett anderen Situation, als du, die du ebenfalls Pumpenträgerin bist.
    Ich finde es auf jeden Fall gut, dass du den Blog genutzt hast, eine Nachricht zu schreiben.
    Mir hat sich spontan das Gefühl aufgedrängt, dass es doch toll ist, wenn sich eine junge Frau traut, so offen mit der Pumpe und dem Sensor umzugehen. Vielleicht kannst du das nächste Mal, falls es eins geben sollte, genau das sagen?
    Es ist ein vielfältiges Thema, dass du damit auftust: wie spreche ich jemanden an? Spreche ich ihn überhaupt an? Woran erkenne ich die anderen Diabetiker? Warum achte ich überhaupt vermehrt darauf? Wie offen gehen andere mit der Therapie um, zB spritzen, messen in der Öffentlichkeit? Wie ist die Akzeptanz durch die Umwelt? Usw Und all diese Themen und Verhaltensweisen werden sich sicher im Laufe der Jahre bei jedem Einzelnen und zum Glück auch in unserer Gesellschaft verändern.
    Es freut mich, dass dun dieses Thema aufgegriffen hast! Dr. Monika Mulert

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