Freitag, 2. März 2018

Ich halte es nicht mehr aus...

Ich kann nicht fassen, dass ich gerade tatsächlich an diesem Text sitze. Aber mir reicht's. Mir reicht es ein für alle Mal, auf so vielen Ebenen. Ich muss mich wirklich extrem zurückhalten, diesen Text klar zu verfassen und hier nicht noch 10 andere Themen mit einzuweben, die mich im Bezug auf die Diabetescommunity und unsere Gesellschaft momentan auch noch bewegen und mein Blut regelmäßig zum Überkochen bringen (Beispiele: Körper, Diäten, mentale Gesundheit, Ageism,...). Aber okay, nun mal zurück zum heutigen Thema und von vorne...



Die olle Kamelle: DIABETIKER ODER MENSCH MIT DIABETES?


Ich höre euer Seufzen bis hier her. Ja, sie schreibt schon wieder darüber. Denn selbst innerhalb der Community ist diese Frage, die bei einigen von euch in regelmäßigen Abständen Augenrollen hervorruft, nicht geklärt. Ich rede mir schon eine Weile den Mund fusselig, was diese Debatte angeht und muss immer wieder erleben, wie Menschen mit und ohne Diabetes auf Veranstaltungen in meiner Gegenwart das Wort "Diabetiker" benutzen und mich dabei aus der Ferne hämisch angrinsen. Oh, so radikal.


Ja, leider muss ich dabei aber auch immer wieder feststellen, dass diese und viele andere Menschen offenbar nicht genau verstanden haben, worum es in dieser Debatte wirklich geht. Es geht um Sprache. Und zwar nicht um die, die wir Menschen mit Diabetes für uns nutzen. Sondern die, die Menschen ohne Diabetes von außen auf uns Patienten "anwenden" und was das bedeuten kann, in welches Licht uns das rücken kann in den Medien, bei Ärzten und Gesundheitsexperten und der Gesellschaft. Und genau deswegen rollen sich bei mir die Fußnägel jedes Mal wieder komplett hoch wenn ich irgendwo von einem alten weißen Mann geschrieben lesen muss, dass man "keinesfalls "Diabetiker" als Diskriminierung kennzeichen" dürfe oder sich davon gefälligst nicht angegriffen zu fühlen hat, weil man sonst dann auch generell keinen Spaß verstehe, weil political correctness ist ja so anstrengend! 

Herrje, Leute, und wieder merke ich: wir haben noch einen weiten Weg zu gehen.


Ich bin wirklich total für das Motto "Mein Diabetes, meine Regeln" zu haben. Dein Diabetes, deine Regeln. Wenn du dich als DiabetikerIn bezeichnen möchtest, sei es, weil du es passend findest oder weil ein Wort nicht so anstrengend für dich ist wie drei, dann ist das absolut cool. Wenn du Mensch mit Diabetes bist, auch cool. Du könntest dich von mir aus auch als Diabanane bezeichnen, wenn das für dich in Ordnung ist. Es geht bei dieser Diskussion nicht darum, Menschen mit Diabetes vorzuhalten, dass sie gefälligst mit ihrer Selbstbezeichnung aufpassen sollen. Es geht darum, wie über uns gesprochen oder geschrieben wird - vielleicht gerade auch, wenn wir nicht mit im Raum sitzen oder auf uns geschaut wird. Und genau deswegen ist es umso wichtiger, dass wir in eben diesen Räumen sitzen. Auf den Konferenzen. In den Vorträgen. Dass wir zuhören und unsere Stimme erheben, wenn diskriminierend über uns gesprochen wird. (Aber ob und wie wir tatsächlich einen Platz dort bekommen, das soll nochmal eine andere Geschichte sein, darum geht es hier nicht, und ich habe gesagt, ich halte mich heute klar an mein Thema, habe aber hier auch schon darüber geschrieben.)


Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Vortrag zum Thema "Warum Diabetiker immer noch keine perfekten Werte haben". Und der Mensch, der den Vortrag hält, berichtet dort von seiner Studie mit Diabetikern und erzählt, dass er nicht versteht, warum sie sich gefälligst im Alltag nicht um ihren Diabetes kümmern können und wie enttäuschend das für die Studie ist. Natürlich ist das ein übertriebenes Beispiel, aber ich hoffe, dass es euch gerade genauso kalt den Rücken hinunter gelaufen ist wie mir. Mit dem Wort Diabetiker von außen benutzt geht einher, dass wir sonst nichts sind. Keine Menschen mit verschiedenen Leben, in denen verschiedene andere Dinge Prioritäten haben. Keine Menschen, denen es vielleicht aus diversen Gründen schwerer fällt, sich um sich und eine oder mehrere chronische Krankheiten zu kümmern. Es degradiert uns in einem Rahmen, in dem lediglich ÜBER uns gesprochen wird und nicht MIT uns, zu Diabetikern, die gefälligst auch als diese funktionieren sollen. Und das ist diskriminierend. 

Es geht darum, Worte zu finden, die diskriminierend und herablassend sind und sie nach und nach zu ersetzen mit Worten, die inkludierend, weniger verurteilend sind. Das Urteilen an der Tür abzulegen, bevor ein Raum betreten wird.

Es wird immer noch diskriminierend und verurteilend über Menschen mit Diabetes gesprochen. In den Medien, in Vorträgen und auf Kongressen, auf denen es um uns geht. Wo ist der Respekt? Wo wird so über und mit uns gesprochen, dass Vorurteile beseitigt werden können? Überall lese ich, dass Menschen mit Diabetes sich über Vorurteile beschweren, denen sie im Alltag begegnen und gleichzeitig lese ich, dass sich aufgeregt wird, weil alle Diabetiker nur noch "Mensch mit Diabetes" genannt werden sollen und der Grund dahinter nicht einmal klar zu sein scheint.

Genauso wie ich der Meinung bin, dass Blutzuckerwerten keine Farben oder Attribute wie "gut" oder "schlecht" zugeteilt werden sollten, fühle ich mich auch gegenüber dem Wort "Diabetikerin". Die Debatte ist eben noch so viel größer und vielschichtiger, und wenn ihr wirklich echtes Interesse daran habt, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und Stigmen zu beseitigen, dann müsst ihr euch auch ehrlich damit beschäftigen und verstehen, dass es einen Unterschied macht, ob mein Arzt über mich als Diabetikerin oder Frau mit Diabetes spricht.

Ich kann es euch nicht mehr auf dem Silbertablett präsentieren, als ich es euch in diesem Text versucht habe zu erklären. Und ich hoffe, dass es bei einigen vielleicht klick gemacht hat. Ihr könnt euch selbst nennen, wie ihr wollt. Aber wenn wir sprachlich aufmerksamer und sensibler werden, dann färbt das auch auf die Umwelt ab. Wenn wir verlangen, auf Kongressen und in Vorträgen zu sitzen und eine Stimme zu haben und laut sind, werden wir auch gehört. Und nur so können wir nach und nach Vorurteile abbauen. Ende.




Kommentare:

  1. Hallo Tine,

    deine Position, daß du dich von der Bezeichnung "Diabetikerin" (insb. von Menschen ohne Diabetes) diskriminiert fühlst, kann ich verstehen - ich muss sie aber nicht teilen.

    Ein paar Anmerkungen habe ich daher zu deinem Text - und ich hoffe, daß ich nicht pauschal zu deiner Feind-Gruppe "alte weiße Männer" gehöre. Ich kann leider nichts dafür, wie ich geboren wurde und auch das Alter lässt sich nicht wirklich aufhalten. Von daher finde ich es jetzt mal etwas diskriminierend auf Attribute reduziert zu werden, die ich nicht beeinflussen kann (wobei "alt" mit Mitte 30 vielleicht NOCH nicht zutrifft).

    Jeder umgibt sich gerne mit Menschen, die seine Meinung teilen - und erzeugt sich dadurch schnell eine Umgebung, in der sehr schwerwiegende Probleme erkannt und benannt werden. Leider gibt es Menschen außerhalb dieser Gruppe, die die eigene Meinung nicht teilen. Diese müssen dann aber um jeden Preis missioniert werden - oder diffamiert, falls sie sich uneinsichtig zeigen.

    Um aber das Beispiel "DiabetikerIn" wieder aufzugreifen. Ich werde auch öfter als "Ehemann", "Vater", manchmal als "Autofahrer" oder gar als "Angestellter", wahlweise auch als "Freiberufler" bezeichnet. Nach der "Diabetiker"-Logik müsste ich aber "Mensch in Ehe(-ähnlicher) Gemeinschaft", "Mensch mit Nachwuchs"(?), "Mensch mit temporärem automobilem Fortbewegungsmittel" (ich fahre ja nicht nur), "Mensch mit Anstellung in einer Firma" oder "Mensch der einer freiberuflichen Tätigkeit nachgeht" bezeichnet werden, da ich eben nicht nur Ehemann, Vater, Autofahrer, Angestellter oder Freiberufler bin.

    Diese Bezeichnungen sind also an sich genau so viel oder wenig diskriminierend wie die Bezeichnung "Diabetiker". Ein Problem entsteht erst dann, wenn der Empfänger (als Teil einer Gruppe oder direkt angesprochen) der Meinung ist, daß dies diskriminierend sei und daher auf jeden Fall der Sprecher einen (nahezu unverzeilichen) Fehler macht, der wie du schreibst "nicht mehr auszuhalten" ist.

    Es bringt wohl wenig, dieses Thema aus den jeweiligen Schützengräben heraus auzufechten - aber vielleicht können wir uns ja darauf einigen, daß es durchaus andere Ansichten geben kann und diese vielleicht auch Co-Existieren dürfen und man nicht hinter jeder Formulierung, die als negativ empfunden wird gleich ein Angriff der Gegenseite stecken muss.

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    1. Lieber Timm, danke für deinen Kommentar. Dieser zeigt mir allerdings, dass auch du das Problem nicht erkannt hast und mein Beispiel wohl doch noch nicht ausgereicht hat. Ich gehe von oben nach unten durch deinen Kommentar und beantworte:

      Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass ich eine Feind-Gruppe habe. Lediglich musste ich in letzter Zeit sehr häufig in der Presse, auch der Diabetespresse, von älteren weißen Männern, die sich ihren Privilegien offenbar nicht bewusst sind und selten selbst Diabetes haben, lesen, dass es totaler Schwachsinn sei, sich von dem Wort "Diabetiker" diskriminiert zu fühlen. Von was ich mich diskriminiert fühle und von was nicht, das möchte ich gerne immer noch selbst fühlen. Danke. Wo bleiben da andere Stimmen? Warum hören und lesen wir so oft die Stimmen der immer gleichen Männer, seit Jahrzehnten? Es reicht und ist Zeit für diversere Stimmen!
      
Punkt zwei. „Autofahrer“ oder „Ehemann“ mit dem Wort „Diabetiker“ zu vergleichen, hinkt hier leider total, da muss ich dich wirklich enttäuschen. Ich habe deutlich beschrieben, dass diese Worte von außen benutzt auf die Gruppe von Menschen mit Diabetes, gerade im Kontext mit Vorträgen und Gesundheitsexperten zu Diskriminierung und dazu führen, dass in diesem Kontext schlecht auf Menschen mit Diabetes herabgeschaut wird. Ich habe extra ein anscheinend wichtiges Kontextbeispiel gegeben, damit mir nicht wieder jemand sagt: „Oh, tut mir leid, dass du dich vom Wort Diabetiker angegriffen fühlst.“ Es kommt auf den Kontext an. Das habe ich beschrieben. Hast du meinen Text gelesen?

Drittens. Eine Diskriminierung entsteht nicht erst dann, wenn der Empfänger der Meinung ist, dass etwas diskriminierend ist. Ich bitte dich da wirklich sensibel zu bleiben bei diesem Thema. 
Es geht hier auch nicht um Angriff oder Gegenangriff. Ich zweifle gerade wirklich daran, dass du meinen Text gelesen hast. Viele Grüße, Tine

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    2. PS: Vorurteile kann man nur beseitigen, wenn man etwas an der Sprache ändert! Anders geht es leider nicht.

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  2. Hallo Tine, ich habe deinen Text gelesen - und wie ich auch geschrieben habe, kann ich verstehen, daß du dich von dieser Bezeichnung diskriminiert fühlst. Allerdings geht es mir halt nicht so. In deinem Beispiel des Vortragenden, der sich darüber beschwert, daß "die Diabetiker" sich nicht so verhalten, wie er das gerne gehabt hätte stimme ich dir auch zu, daß er nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Allerdings mache ich das nicht an dem Wort "Diabetiker" fest, sondern daran, daß er offensichtlich meint alles besser zu wissen. Ich hätte ihn in der (theoretischen?) Situation direkt darauf hingewiesen, daß ich auch noch ein Leben neben meinem Diabetes habe und wir ja mal gerne tauschen können, falls er mal Interesse hat das zu verstehen.
    Seine Einstellung wird er jedenfalls nicht durch die Nutzung von "Menschen mit Diabetes" statt "Diabetiker" ändern. Zumindest ist das meine Vermutung. Eine Änderung wird nur stattfinden, wenn man solche Leute direkt und konsequent anspricht und auf ihr Verhalten hinweist - und das liegt hier nicht in der Verwendung der Bezeichnung, sondern an der Einstellung/Vorstellung die diese Person hat. Fordert man dann "nur" die andere Bezeichnung, steckt man halt sofort in der "möchtegern Opfer" Rolle anstatt auf Augenhöhe zu diskutieren.
    Also: Deinen Text habe ich gelesen - aber wohl anders verstanden als du es gemeint hast. Sender -> Nachricht -> Empfänger.
    Also nicht Worte (Symptome) sondern über Einstellungen (Ursachen) bekämpfen.

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    1. Hey Timm,
      aber hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, was alles mit dem Wort einher geht und was das in den Köpfen auslösen kann? Stell dir vor, da sitzen 300 andere Gesundheitsexperten im Raum, keiner hat Diabetes. Die meisten sehen ihre Patienten wenn überhaupt 15 Minuten pro Quartal. Viel Zeit zum Werte oder Leben besprechen gibt es nicht und viele treten ihren Patienten mit Vorurteilen gegenüber, die das Wort in diesem Kontext befeuert. Kannst du die Verbindung wirklich nicht herstellen? Der dumme dicke Diabetiker, dem seine Krankheit scheißegal ist, nicht kooperationsbereit (im Fachjargon non-compliant, noch so ein furchtbares Wort), schafft es nicht mal, vor dem Essen zu spritzen. Und weiter geht es mit der Vorurteilsbefeuerung. Das eine führt zum nächsten.

      Leider können wir nicht überall gleichzeitig sein und leider kann auch nicht jeder jeden in jeder Situation auf fehlerhaftes Verhalten hinweisen (Stichwort: Privileg). Sprache aber kann etwas in den Köpfen verändern, und die Debatte um Diabetiker oder Mensch mit Diabetes ist nur ein ganz kleiner Teil davon. Ich bin der Meinung, dass genau wie unsere Gesellschaft sich ändert, unsere Sprache sich mit ändern muss. Wir müssen sensibler gegenüber Worten werden, wie wir sie benutzen und was wir damit bei anderen anrichten können.

      Ich bin ein großer Verfechter davon, dass Sprache, wenn man sich wirklich Gedanken darüber macht, Ursachen bekämpfen kann. Und das nicht nur im Diabetesbereich. Wir können nicht auf Augenhöhe diskutieren, weil diese Augenhöhe einfach noch nicht existiert, verstehst du?

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