Donnerstag, 1. September 2016

Sie sind überall...

Es kann am Sommer liegen und daran, dass ich im Moment sehr viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, aber ich treffe in letzter Zeit immer und überall und ständig auf Menschen mit Diabetes. Meistens erkenne ich sie tatsächlich äußerlich daran, dass sie am Arm ganz sichtbar den gleichen Sensor tragen, der auch an meinem Arm klebt.
Anfang der Woche erst habe ich eine Frau in der S-Bahn gesehen, die den Sensor zwischen ihren Klitschko-Brüder-Tattoos platziert hatte. Sie las ein Buch und hat mich gar nicht bemerkt. Ich trage meinen Sensor meistens hinten am Arm, so dass er meinem Gegenüber oft auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Ich habe versucht auf mich aufmerksam zu machen, indem ich meinen Wert überprüft habe, aber sie war so sehr in ihr Buch vertieft, dass ich sie eigentlich auch gar nicht stören wollte.

Auf Leute mit Sensor zu gehen oder nicht? Wie seht ihr das?
Letzte Woche, auch in der S-Bahn, ein junger Mann mit Fahrrad und Sensor. Wieder versuchte ich durch Überprüfen meines Wertes auf mich aufmerksam zu machen, er starrte aber permanent auf sein Smartphone und so bekam er meinen sehr vorsichtigen Kontaktversuch überhaupt gar nicht mit. Ich stieg aus, bevor er nur ein einziges Mal vom Display hoch blickte.

Aber wieso dieser Kontaktversuch?

Warum versuche ich permanent mit diesen Menschen Kontakt aufzunehmen? Eigentlich kann es mir doch völlig egal sein, wer wo wie seinen Sensor trägt und grade mit mir die S-Bahn teilt. Aber dann wäre ich jetzt nicht hier. Mit Menschen, die Diabetes haben, ins Gespräch zu kommen, kann sehr spannend und bereichernd für alle sein. Ich durfte das in meinen über drei Jahren mit Diabetes jetzt schon so unglaublich oft feststellen und ich kann euch nicht sagen, wo ich heute stehen würde, wenn ich bis dato noch niemand anderen mit Diabetes kennen gelernt hätte. Egal, ob es dabei nur bei einem kleinen, erheiternden Gespräch bleibt, ich Tipps für die Befestigung meines Sensors weitergeben oder bekommen kann oder aus dem Gespräch eine intensivere Bekanntschaft wird, das alles hilft, den Alltag mit Diabetes besser und motivierter zu meistern.

"Hier, das ist für Sie!"

Eine solche kleine Geschichte passierte mir auch letzte Woche bei einem meiner regelmäßigen Streifzüge durch die Secondhand-Läden Berlins. Ich hatte bereits einige Teile gefunden, die mir gefallen und die ich anprobieren wollte und wartete vor den Umkleidekabinen darauf, dass eine der Kabinen für mich frei werden würde. In einer Kabine war der Vorhang bereits aufgeschoben und eine ältere Dame sortierte sich darin. Ihr Zittern schrieb ich ihrem vorangeschrittenen Alter zu. Sie entfernte sich aus der Kabine, setzte sich auf den Sessel davor und teilte mir freundlich mit, dass die Umkleide nun frei wäre. Ich betrat die Kabine, zog den Vorhang zu und begann, meine Ausbeute anzuprobieren. "Könnten Sie mir vielleicht noch kurz helfen, junge Dame?", rief es von der anderen seite des Vorhangs. Ich lukte aus meiner Kabine zu der Frau auf dem Sessel vor mir, die zittrig versuchte, eine kleine Saft-Glasflasche zu öffnen. "Natürlich, gerne!", sagte ich und öffnete ihr schnurstraks die Flasche. Sie bedankte sich und meinte, sie sei seit 57 Jahren Typ-1-Diabetikerin und braucht das grade.
Ich ging schnell in die Kabine zurück und realisierte dann erst, was sie gerade gesagt hatte, streckte meinen Kopf hervor und meinte: "57 Jahre schon? Wirklich? Das ist eine lange Zeit!". Sie nickte euphorisch. Ich ging aus der Kabine und sie erzählte mir, dass sie die Diagnose bekam, als sie 20 Jahre alt war, wie das für sie war und dass sie immer auf sich geachtet hat. Dann meinte ich, dass ich seit drei Jahren auch Diabetes habe und sie sehr gut verstehen kann. "Tatsächlich? Was für ein Zufall!" Sie sagte mir, dass sie Kinder und inzwischen sogar Enkelkinder bekommen hat, dass sie oft versucht auf Nudeln und andere weiße Lebensmittel zu verzichten, weil der Blutzucker dann besser ist, und dass ich immer versuchen soll, ein aktives Leben zu führen. Zum Schluss sagte sie: "Wissen Sie, Schatz, wenn ich das so lange überlebt habe, dann können Sie das auch! Vergessen sie das nicht!". Ich nickte und verschwand wieder in der Umkleide.
Plötzlich kam eine ausgestreckte Hand in die Umkleide. "Hier, das ist für Sie, Schatz!", sagte die Frau. In ihrer Hand ganz viel Traubenzucker und kleine Süßigkeiten. Ich öffnete den Vorhang, nahm ihr kleines Geschenk an mich entgegen, bedankte mich sehr gerührt und wünschte ihr noch einen schönen Tag. Für solche Begegnungen lebe ich. Wie wunderbar, sowas sollte jedem passieren. Und genau aus diesem Grund denke ich jedes Mal nach, wenn ich den Leuten ansehe, dass sie Diabetes haben, ob ich sie ansprechen sollte oder nicht. Weil ganz wunderbare Dinge aufkommen können. Lasst euch solche Momente nicht entgehen, weil ihr euch nicht traut. Nehmt euren Mut zusammen und sprecht die Menschen drauf an. Und wenn sie scheiße reagieren, ist das leider so. Manche wollen einfach aus verschiedenen Gründen nicht drüber sprechen, dann müssen wir das respektieren. Aber wenn doch, können wirklich tolle motivierende Momente entstehen.
Ich wünschte, ich hätte mich getraut Kontaktdaten mit der Frau auszutauschen und vielleicht hätte ich die Möglichkeit bekommen, sie zu interviewen. 57 Jahre sind eine sehr lange Zeit und sie hat sicher spannende Geschichten zu erzählen. So bleibt mir am Ende nun allerdings nur dieser Moment übrig, den ich jetzt ganz tief in mir verwahrt habe.

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Sonntag, 28. August 2016

Immer wieder sonntags...

Hot, hot, hot!
Diese Woche hatten wir wieder hochsommerliche Temperaturen hier in Berlin. Einerseits geht es mir direkt gut, wenn ich sehe, dass die Sonne scheint, der Himmel blau ist und draußen kein graues Matsch-Wetter herrscht. Andererseits kommt mein Körper leider überhaupt nicht auf die Hitze klar. Ich funktioniere einfach nicht, wenn es draußen buchstäblich brennt. Ich wäre dann also jetzt bereit für einen goldenen Spätsommer. Nicht mehr ganz so heiß und trotzdem sonnig.
Auch kulinarisch kriegt mich der Spätsommer oder Frühherbst einfach. Ich habe Lust auf Kürbissuppe, deftige Eintöpfe und Suppen und kann kauf abwarten, dass die Temperaturen draußen sich endlich etwas abkühlen, damit ich mich zu Hause mit Kürbissen einschließen und non-stop kochen kann. Bis dahin dauert es aber noch ein wenig.

In ein paar Tagen habe ich Geburtstag und werde diesen Tag endlich mal wieder nicht in Deutschland verbringen. Darauf freue ich mich schon sehr. Wohin es geht, konnte man auf Twitter vielleicht schon dezent erahnen...

Anschließend findet der diesjährige EASD in München statt, auf den ich schon extrem gespannt bin. Und ihr könnt auch gespannt sein: Ich wurde dieses Jahr wieder zu einigen interessanten Events eingeladen und werde natürlich berichten. Die Agenda für die paar Tage München ist voll bepackt.

|Gesehen| Chef's Table
|Gelesen| Bad Feminist von Roxane Gay
|Gehört| Frank Oceans neues Album rauf und runter
|Gegessen| selbst gemachtes Kimchi, frische Croissants, Bruschetta, Reis
|Getrunken| Wasser, Orangensaft, Eiskaffee
|Getan| Viel gelesen, im Schienenersatzverkehr unter der Hitze gelitten, Freunde besucht, Kimchi selbst gemacht
|Gedacht| redet mit euren Liebsten! Schluckt nichts hinunter. Es kann so viel kaputt machen (bei euch und ihnen)
|Gefreut| Bald Geburtstag!
|Geärgert| Es muss halt auch innen und im Hintergrund alles stimmen. Wenn nur die Wirkung nach außen perfekt ist, hat das absolut keinen Mehrwert.
|Gewünscht| Endlich einen gut sitzenden Bikini finden
|Gekauft| Essen, ein Paar tolle Fundstücke im Secondhandladen
|Geklickt| Twitter, Youtube, Instagram


Bei Instagram (@saytine) könnt ihr mich auch immer durch meine Woche begleiten, ein Foto ist schneller gepostet :)

Noch schneller bin ich allerdings bei Snapchat unter kaesefondue!


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Freitag, 26. August 2016

BE? KE? Ja, was denn nun?

Heute beschäftigt mich ganz offiziell die Frage, ob es denn okay ist, dass ich meine KE BE nenne und wie ihr das da draußen alle so macht.

Seit meiner Diagnose beschäftige ich mich viel mehr mit meinem Essen, als vorher eigentlich schon. Das geht glaube ich den meisten von uns so und ist ja auch ganz normal, schließlich bekommt unsere tägliche Nahrungsaufnahme durch den Diabetes nochmal eine ganz andere Rolle zugesprochen. Essen muss seit dem analysiert und die Inhaltsstoffe im Kopf auseinander genommen werden. Nahrung besteht seit der Diagnose auch noch aus Zahlen.

Eines der ersten Dinge, die ich frisch mit Diabetes im Gepäck gelernt habe, ist die Tatsache, dass wir in unserem Essen die darin enthaltenen Kohlenhydrate schätzen, um dann zu berechnen, wie viel Insulin wir dafür am Ende spritzen müssen. Dafür gibt es verschiedene Systeme, so ungefähr wie es hier Meter und Kilometer und in den USA Fuß und Meile gibt. In diesem Fall nennen sich die Systeme zur Berechnung von Kohlenhydraten in unserer Nahrung Broteinheit und Kohlenhydrateinheit.

Der ganze Einheitskram kann einen zu Beginn der Diagnose ganz schön verwirren...

Eine Broteinheit entspricht 12g Kohlenhydraten. Wenn ein Lebensmittel also auf 100g 12g Kohlenhydrate enthält, haben 100g dieses Lebensmittels eine Broteinheit - 1 BE.
Eine Kohlenhydrateinheit entspricht 10g Kohlenhydraten. Wenn ein Lebensmittel also auf 100g 10g Kohlenhydrate enthält, haben 100g dieses Lebensmittels eine Kohlenhydrateinheit - 1 KE oder 1 KHE.
Bei den Werten beider Systeme direkt nacheinander gelesen fällt auf: die Kohlenhydrateinheit ist im klassischen Dreisatz natürlich erheblich einfacher zu berechnen, als die Broteinheit.

In meiner ersten Schulung, damals vor rund drei Jahren, lernte ich die Broteinheit zu benutzen, wir schätzten dort Broteinheiten von verschiedensten Lebensmitteln und sprachen diverse Essens-Schätz-Szenarien durch. Das war okay für mich, aber schnell lernte ich außerhalb der Schulung, dass man die Kohlenhydrate auch etwas einfacher mit der Kohlenhydrateinheit berechnen kann und diese Form der Berechnung moderner ist. Seit dem berechne ich mit KE, nenne sie aber trotzdem, aus Gewohnheit, weiter Broteinheit. 
Das kann für viele Außenstehende verwirrend wirken, aber mein System funktioniert gut und ich mag das Wort Broteinheit gerne.

Das mein System zu Verwirrungen führen kann, fiel mir bei meinem letzten Diabetes-Dienstag auf Snapchat auf (manchmal mache ich den Diabetes-Dienstag nur dort). Ich erzählte, wie viele Broteinheiten ein Capri-Sonne-Päckchen hat und sprach in meinen Snaps offen von 2 Broteinheiten, obwohl es ganz streng genommen 2 Kohlenhydrateinheiten waren (eine Packung Capri-Sonne Orange á 200ml hat genau 20g Kohlenhydrate, also 2 KE). Danach sah ich mich verpflichtet, meine "komplexeren" Gedankengänge zu erklären.

Um jetzt alles noch komplizierter zu machen: Ich habe gelesen, dass eine Broteinheit in der Schweiz auch 10g Kohlenhydraten entsprechen soll. An die Schweizer: Stimmt das? Vielleicht lebe ich also einfach nur nach dem Schweizer System?

So lange es für mich so funktioniert, ist das cool für mich. 
Aber wie macht ihr das? BE? KE? Durcheinander? Berechnet ihr alles ganz genau, oder seid ihr eher die Schätzer? Und ist es überhaupt am Ende wichtig, ob es BE oder KE heißt?

Lasst es mich wissen!


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PS:
Ich warne euch hiermit: an den anderen Tagen gibt es dort auch Themen fern ab vom Diabetes direkt aus meinem Leben.
Aber wer mir durch meine Diabetes-Dienstage auf Snapchat folgen möchte, darf gerne hier entlang: