Donnerstag, 13. Oktober 2016

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint - 5 gut gemeinte Kommentare, die Menschen mit chronischen Krankheiten nicht hören wollen



Die Worte, die wir sagen oder schreiben, haben eine Bedeutung. Sprache ist wichtig und Sprache kann Dinge im Kopf des Gegenübers. Sprache kann verletzen. Und auch wenn dir selbst Sprache egal ist, kann es bei jemand anderem vieles kaputt machen oder in den Medien ein falsches Bild weitergeben. Und ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, bis es in der Welt angekommen ist!

Wenn ich neue Menschen kennen lerne und sie herausfinden, dass ich mit mindestens einem, oft mehreren Koffern an chronischen Gesundheitsproblemen, physisch und psychisch, durchs Leben gehe, höre ich oft Kommentare von ihnen, die sie meistens oberflächlich nett meinen. Die meisten dieser Kommentare sind wohl entweder als Kompliment oder Ermutigung von ihnen gedacht, aber leider merkt man oft, dass sie sich keinerlei tiefere Gedanken dazu gemacht haben. 

Ich bin mir sicher, dass sich diese Kommentare nicht nur auf einen Typ-1-Diabetes übertragen lassen, sondern dass viele mit chronischen Krankheiten ein Lied davon singen können. Deswegen habe ich heute mal ein paar dieser Kommentare zusammengefasst und versucht, Alternativen dafür zu finden.



1. "Du siehst gar nicht krank aus!"

Ja, weil nicht ohne Grund viele chronische Krankheiten auch oft einfach "unsichtbare Krankheiten" genannt werden. Ein Mensch kann von außen komplett gesund aussehen, im Inneren aber mit einer oder mehreren chronischen Krankheiten leben. Es kann auch sein, dass die Person sich sowieso schon komplett scheiße fühlt, weil sie alles gibt, um nicht krank auszusehen. Vielleicht sind unter Tonnen von Make up versteckt die Augenringe versteckt, die sie hat, weil sie wegen der Krankheit jede Nacht mehrmals aufstehen muss. Irgendwo könnte sich ein Kathether oder ein Port verstecken, den sie für die lebensrettenden Medikamente benötigt. Es mag für außenstehende überraschend zu hören sein, aber viele kranke Menschen sehen nicht krank aus. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie es nicht sind.
Mögliche Alternative: "Ich weiß, dass du dich vermutlich nicht gut fühlst, aber du siehst heute echt toll aus!"


2. "Du bist doch noch so jung!"

Egal, ob es sich um meine psychischen Dinge oder um den Diabetes handelt, immer wieder bekomme ich diese Kommentare, meist von Menschen ü50, die oft natürlich keine Ahnung haben, dass -Überraschung- auch junge Menschen krank werden können. Dennoch, so etwas zu jemandem zu sagen macht absolut keinen Sinn und hat keinen Wert. Im Gegenteil: Meistens macht es mich einfach selbst traurig.
Mögliche Alternative: "Es tut mir leid, dass du das alles bereits in so einem zarten Alter mitmachen musst!"


3. "Aber du bist doch so hübsch!"

Was? Und was genau hat das eine mit dem anderen zu tun? Als wenn die Gene einer Person, die auf dich ästhetisch anziehend wirkt, auch dafür sorgen würden, dass sie niemals krank werden kann. Ist aber nicht so. Und weiter: Was sagt das über die Person aus, die so etwas sagt? Dass sie daraus schließt, dass Menschen, die nicht ästhetisch anziehend für die Person sind, automatisch krank sind oder mit chronischen Krankheiten durchs leben gehen? Und dass es viel schlimmer ist, wenn jemand, der dir äußerlich gefällt, krank ist? Es ist sicher irgendwo eigentlich als Kompliment gemeint, aber zeugt leider von Ignoranz.
Mögliche Alternative: Versuch das Kompliment doch einfach mal nicht gleichzeitig mit der Krankheit zu verbinden, oder lass es einfach direkt. 


4. "Ich könnte damit ja nicht leben!"

Nett. Noch so ein Satz, der oberflächlich vielleicht als Kompliment für Stärke gemeint ist, aber zwischen den Zeilen so viel mehr aussagt. Nämlich, dass das Leben eines chronisch Kranken Menschen scheiße sein muss. Niemand sagt, dass es toll ist, mit einer Krankheit zu leben. Wir feiern nicht täglich eine Party, weil es so viel Spaß macht. Dennoch haben wir vielleicht dadurch weniger Schwierigkeiten, uns an etwas anzupassen und können täglich daran zu wachsen.
Mögliche Alternative: "Du scheinst wirklich eine sehr starke Person zu Sein!"


5."Ich bin mir sicher, dass alles gut werden wird!"

Ich habe das Gefühl, dieser Satz wird oft benutzt, wenn das Gegenüber vielleicht keine Ahnung hat, was sonst noch zu sagen sein könnte. Eigentlich meint auch dieser Satz es gut, aber er kann gleichzeitig so unpassend sein, dass es sich für die kranke Person anfühlt, als wenn das Gegenüber die Krankheit trivialisieren und alles, was sich um die Krankheit dreht, klein machen möchte. Nicht jede chronische Krankheit hat eine gute Prognose, nicht jede Krankheit hat einen positiven Verlauf und nicht alles wird immer irgendwann gut werden. Der Satz unterschätzt komplett das mögliche Ausmaß des eigenen Krankseins. Versteht mich nicht falsch - Optimismus ist etwas Großartiges, aber es gibt einfach viel treffendere Sätze, die man einer kranken Person sagen kann, um mit all dem zu sympathisieren, durch das sie durch muss und zu zeigen, dass man versteht, dass es sich um eine Krankheit handelt und kein Spiel.
Mögliche Alternative: "Ich hoffe, alles wird okay werden und schicke dir gute Gedanken!"


Was sind weitere Sätze, mit denen ihr so konfrontiert wurdet - und habt ihr mögliche Alternativen für diese? 



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Kommentare:

  1. ^^^^^^^^^THIS^^^^^^^^^^^^

    Auch nicht hilfreich:
    "Hast du es mit XY* probiert? Mach doch mal Z*!"

    Gute gemeinte Ratschläge sind gut gemeint, aber suggerieren, dass man nicht alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzt, um den eigenen Zustand zu verbessern. Subtext beim Empfänger: Du recherchierst nicht gut. Du machst das nicht richtig. Es gibt einen besseren Weg. Mir geht das alles viel zu langsam.

    Die Realität sieht aber meist so aus: Menschen mit chronischen Krankheiten recherchieren und probieren in der Regel selbst sehr intensiv. Ein jeder muss selbst evaluieren und ausprobieren, was hilft und was nicht - das ist oft ein langfristiger und aufwändiger Trial-and-Error-Prozess. Und: Das Leben muss weitergehen. Es steht häufig nur ein begrenztes Zeit- und Geldkontingent für Therapie und Co. zur Verfügung. Es geht nicht alles auf einmal.

    BESSER: "Ich find's super, dass du XY* machst."

    UND/ODER (wenn eine Vertrauenbasis vorliegt):
    "...und wenn du das möchtest, können wir gern zusammen brainstormen, welche Möglichkeiten noch zur Verfügung stehen." / "Ich habe mit XY* folgende Erfahrung gemacht, (weiß aber, dass das nicht universell für alle gilt.) Wenn du mehr darüber wissen möchtest, bitte gern fragen."

    *Medikament
    *Therapie
    *Veränderung Lebensstil
    *Verhalten
    *Tipp$ Tipp$ Tipp§

    TL;DR: Erfahrungsaustausch: ja, mit Disclaimer, Bestärkung: immer, Ratschläge: nur auf Nachfrage.

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  2. Mein Favorit ist immer noch: "Aber man kann ja gut damit leben."
    Als ob eine Person mit der man gerade einmal ein paar Worte gewechselt hat beurteilen kann, wie "gut" man doch damit leben kann...
    Meine Mutter hat sich, als ich noch ein Kind war, über solche Kommentare sehr aufgeregt und nur geantwortet: "Stellen Sie sich doch mal vor ihr Kind mindestens 6x am Tag spritzen zu müssen und ihm mindestens 9x am Tag in den Finger zu stechen, so gut kann man damit leben!"

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  3. Ganz beliebt:
    XY hat ihre Ernährung umgestellt, macht jetzt jeden Tag X Stunden Sport und brauch keine Spritzen mehr.

    Der Witz dabei? Die beharren auch darauf es sei ganz bestimmt ein Typ1er...
    A) hab ich ein Vollzeit-Job und ein Studium.
    B) Ist das definitiv kein Typ1 -.-

    --> Als Leie nicht mir erklären, wie angeblich meine Krankheit funktioniert. Nein, einfach nein...

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  4. Besonders empören könnte ich mich immer über den Kommentar "das kann man ja heute gut einstellen" Hallo? Klar ist das gut eingestellt, aber mit sehr viel Mühe, Disziplin, Verzicht und Durchhaltevermögen von seitens des Diabetikers. Und nicht einfach so.....

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  5. "Du bist doch so eine glückliche Person. Das hätte ich mir bei dir gar nicht gedacht"

    Sowas ist ja nie böse gemeint. Dennoch können sich viele nicht vorstellen, dass man sich alleine und in der Öffentlichkeit anders zeigt oder fühlt. Soziale Ängste, Reizüberflutung und Panikattacken oder aversive Emotionen finden im Inneren statt. Wenn man selber nicht die Erfahrungen damit gemacht hat, weiß man nicht, dass Personen in solchen Situationen eine Fluchtreaktion zeigen, um dies vor anderen zu verbergen oder, um damit nicht im Mittelpunkt zu stehen.

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  6. Am schlimmsten ist immer noch der Satz : Gute Besserung.
    `Gute Besserung` will ich hören, wenn ich eine Grippe habe, aber nicht bei einer chronischen Krankheit wie Diabetes! Es wird nun einmal nicht wieder besser, diese Krankheit bleibt nun einmal für immer! Man kann damit leben, aber man wird halt nicht wieder richtig gesund.

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  7. "Oh, meine Tochter/mein Sohn/meine Schwester/mein Schwager/mein Dackel hat das auch. Aber der/die hat das mittlerweile im Griff!"

    Was zum Teufel. Was willst du mir damit sagen? Willst du sagen, dass du mich als schwach empfindest, weil ich es nicht im Griff habe? Oder willst du mir sagen, dass ich es übertreibe? Soll das bedeuten, du würdest mich verstehen? Meine Lage nachvollziehen können? Oder gar mein Leben? Oder ist es so, dass du mich mit anderen gleichsetzt, obwohl du mich gar nicht kennst? Meine Krankheit nicht im Alltag mit mir erlebst? Warum sollte etwas, dass bei anderen klappt, bei mir auch klappen? Was zum Teufel?!

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  8. "Mit der Pumpe ist das heutzutage ja alles überhaupt kein Problem mehr!" Keine Frage, Insulinpumpen sind eine ganz tolle Erfindung und gegenüber früher ist die Therapie um ein vielfaches einfacher geworden! Aber diese Aussage, von Menschen die null Ahnung haben, was diese Krankheit alles mit sich bringt (vor allem bei Kleinkindern), ärgert mich immer wieder. Die glauben, eine Pumpe würde alles selber machen. Sie kann ja unheimlich viel, aber sie macht eben auch nur das, was WIR einstellen, speichern, umstellen.....

    Die absolute Lieblingsfrage: "Was? DAS darf er essen??" (Anm.: Mein Sohn ist 5 Jahre alt und hat seit knapp 2 Jahren Diabetes Typ 1). Und immer und immer wieder meine Erklärung: Er DARF im Prinzip alles essen, es ist nur eine Frage des Zeitpunkts, der Berechnung / Schätzung, der Menge...."

    Kurz nach der Diagnose war "aber er ist doch gar nicht dick!?" immer mein Highlight, das hat sich jetzt aber schon gebessert. Es bedarf nur sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit und selbst dann kommt es noch manchmal zu skeptischen Blicken, ob ich meinem Kind nicht doch etwas zu viel Süßes gegeben hätte.....? NERVIG.

    Mein Tip: Wer mitreden möchte, einfach "Diabetes TYP 1" googeln! Dann erst Kommentare abgeben.

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